Mit Sauerstoff Diabetes-Patienten eine Amputation ersparen

Traunstein – »Warum das nicht bekannter ist, ist mir auch nicht so ganz klar«, sagt Dr. Christian Heiden. Er ist Geschäftsführer des Druckkammerzentrums am Klinikum Traunstein.

Sieht ein bisschen aus wie ein Flugzeug, hat aber therapeutische Qualität: das Druckkammerzentrum im Klinikum Traunstein

Dabei ist ihm ein Bericht im Traunsteiner Tagblatt sauer aufgestoßen, in dem es um die Vermeidung von Amputationen bei Diabetes-Patienten geht – und in dem seiner Meinung nach die Möglichkeit der Behandlung im Druckkammerzentrum mittels hyperbarem Sauerstoff (HBO) fehlt.

Fakt ist, der Diabetes zerstört die Durchblutung. In der Folge heilen Wunden schlechter als bei gesunden Menschen. Es kommt zur Nervenschädigung und zu Durchblutungsstörungen. Am Ende einer langen Leidenszeit steht oft die Amputation von Zehen, Füßen oder bis zum Knie. »Aber rund 30 Prozent dieser Menschen können wir helfen«, sagt Heiden.

Ablehnung aufgrund problematischer Studien

Jahrelang hatte der gemeinsame Bundesausschuss, der zuständig ist für die Zulassung bestimmter Behandlungsverfahren, die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms in der Druckkammer als nicht zielführend abgelehnt. »Dabei hat man sich immer auf drei Studien berufen, deren wissenschaftliche Grundlagen nicht ausreichend sind.«

Erst, als das Institut für Qualität im Gesundheitswesen (IQwig) feststellte, dass die Sauerstoffbehandlung den betreffenden Patienten eine Amputation ersparen kann, ließ der gemeinsame Bundesausschuss die Behandlung zu – zunächst aber nur stationär. Heiden und eine Patientin konnten daraufhin beim Bundessozialgericht durchstreiten, dass die Behandlung auch ambulant bezahlt wird – auch für Kassenpatienten.

Das aber scheint die niedergelassenen Ärzte und Diabetologen so noch nicht erreicht zu haben, denn sie müssten die Patienten ins Druckkammerzentrum überweisen. »Sie sind sogar dazu verpflichtet, in Frage kommende Patienten darauf hinzuweisen, dass es diese Möglichkeit gibt.«

In Frage kommt die Behandlung für 30 Prozent

In Frage kommt die Behandlung für 30 Prozent der Patienten mit Diabetischem Fußsyndrom. Die betroffenen Patienten werden in fünf Stadien nach Wagner eingeteilt: Bei Gruppe eins heilen Verletzungen der Füße in der Regel von alleine. Spätestens ab Stadium drei nach Wagner sollte laut Dr. Heiden die Möglichkeit einer hyperbaren Sauerstoffbehandlung überprüft werden. In Gruppe vier könne man abgestorbenes Gewebe (Nekrosen) entfernen und mittels der HBO-Behandlung in der Druckkammer von Sauerstoffmangel bedrohtes Gewebe heilen, in Klasse fünf sind Amputationen meist nicht mehr zu vermeiden.

Diabetische Zentren mit Diabetologen, Chirurgen, Angiologen und andere Gefäßspezialisten, Kliniken, Pflegedienste, Podologen und Orthopädie-Schuhmacher arbeiten eng zusammen, um den Patienten das Schlimmste zu ersparen. »Das ist absolut sinnvoll«, so Heiden. »Durch sachgerechte Behandlung kann man den Betroffenen viel Leid ersparen.« Reichen all die anderen Behandlungsmethoden nicht aus, dass eine Wunde binnen vier Wochen abheilt, sei aber eine hyperbare Sauerstofftherapie in der Druckkammer oft die letzte Hoffnung.

In der Druckkammer atmen Patienten unter erhöhtem Umgebungsdruck medizinisch reinen Sauerstoff ein, der dadurch auch in weiter vom Herzen entfernte (periphere) Körperteile gelangt. Auf 20 bis 40 Anwendungen, mindestens an fünf Tagen die Woche, schätzt Heiden den durchschnittlichen Bedarf für eine Behandlung. Allein An- und Abfahrt sind für manche Patienten aber schwierig zu bewerkstelligen. »Unter Umständen geht es auch gar nicht.«

Auch Krebspatienten reagieren oft gut darauf

Übrigens reagierten auch Krebspatienten oft gut auf die Sauerstoff-Therapie, etwa bei der Behandlung von Bestrahlungsfolgen oder auch bei der Behandlung von wiederkehrenden (rezidiven) Tumoren. Die Abrechnung erfolgt derzeit ohne Belastung des Budgets. Wie das in Zukunft weitergeht, ist aber noch nicht entschieden. In jedem Falle aber können Betroffene ihre Diabetologen, Internisten und Podologen auf diese Art der Behandlung ansprechen. coho